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Blick nach vorne - Prof. Dr. Georg Ertl im Interview

Prof. Dr. Georg Ertl, Sprecher des Kompetenznetzes Herzinsuffizienz, erläutert in diesem Interview den aktuellen Stand und zukünftige Perspektiven der Herzinsuffizienz-Forschung.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Erforschung der Herzschwäche?

Einfache Lösungen, wie sich das komplexe Krankheitsbild Herzinsuffizienz in den Griff bekommen lässt, gibt es nicht. Einerseits müssen die vielschichtigen Krankheitsmechanismen noch besser aufgeklärt und neue Therapien entwickelt werden. Andererseits müssen Lösungen gefunden werden, wie sich die verfügbaren Behandlungsstrategien im Lebensalltag chronisch und oft mehrfach kranker Patienten patientengerecht umsetzen lassen. Um dem gerecht zu werden, bedarf die Erforschung der Herzinsuffizienz ebenso wie die Patientenversorgung umfassender, multidisziplinärer Ansätze.

Inwieweit werden solche Ansätze in der Forschung schon umgesetzt?

Ein solcher Ansatz wird beispielsweise vom Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz umgesetzt, das 2010 als eines von acht integrierten Forschungs- und Behandlungszentren gegründet wurde und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Um möglichst große Synergieeffekte zu erzielen, reicht das Zentrum von der Grundlagenforschung bis hin zur klinischen Anwendung. Theoretische Institute wie zum Beispiel Physik, Chemie und Biochemie oder Pharmakologie kooperieren mit klinischen Einrichtungen, darunter Kardiologie, Herz- und Thoraxchirurgie, Endokrinologie, Nephrologie, Psychologie, Neurologie und Radiologie. Ziel ist es, gemeinsam innovative Konzepte für Diagnose und klinisches Management der Herzinsuffizienz und neue Strategien für die Therapie zu entwickeln. Um diese Ziele zu erreichen, ist die Forschung in acht Projektbereiche unterteilt. Zu diesen gehören zum Beispiel die Themenfelder „Die Diagnose und das Management der Herzinsuffizienz verbessern“ oder die Untersuchung der vielfältigen Interaktionen zwischen Herz und Nieren.

Das seit 2003 bestehende „Kompetenznetz Herzinsuffizienz“ hat sich ebenfalls dem Ziel verschrieben, deutschlandweit an elf Standorten die Herzschwäche multidisziplinär zu erforschen. Nach 10 Jahren Arbeit im Netzwerk sind eine Vielfalt klinischer Studien zur Herzinsuffizienz inzwischen zum Teil abgeschlossen oder stehen kurz vor dem Abschluss. Mit den Daten dieser Studien gibt es einen Schatz an Informationen, der für die Beantwortung ganz verschiedener wissenschaftlicher Hypothesen gehoben werden kann.

Auf welchen Forschungsinhalten liegen die Schwerpunkte?

Die Forschungsinhalte reichen von den molekularen Krankheitsursachen über geschlechtsspezifische Einflüsse bis hin zur ökonomischen Bedeutung der Herzschwäche. Weitere Forschungsfelder sind die diastolische Herzschwäche oder die Rolle krankheitsbegleitender Depressionen. Zudem wurden innovative Ansätze einer telefonisch und telemedizinisch unterstützten Patientenversorgung erprobt.

Eine bedeutende Ressource, auf die zurückgegriffen werden kann, ist die Studiendatenbank des KNHI mit angegliederter Biomaterialbank – eine europaweit einzigartige Forschungsressource. Von ca. 10.000 an Studien des Kompetenznetzes beteiligten Herzschwäche-Patienten wurde ein einheitlicher klinischer Basisdatensatz mit rund 150 Einzelparametern erhoben und gespeichert. Diese Daten ermöglichen künftig wertvolle projektübergreifende Analysen.

Können Sie ein konkretes Projekt nennen, an dem Sie aktuell forschen?

Das Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz beispielsweise untersucht in der laufenden Studie „Herz und Hirn“, wie das kranke Herz die Hirnfunktion beeinflusst. Patienten mit Herzmuskelschwäche erleiden überdurchschnittlich häufig Schlaganfälle, die weitere körperliche und geistige Beeinträchtigungen nach sich ziehen können. Es gibt Hinweise darauf, dass die eingeschränkte Herzpumpfunktion auch zu schleichenden Veränderungen der Gehirnfunktion führen kann: Die Reaktionszeit ist verlängert, das Denken verändert sich. Die genauen Ursachen hierfür sind bislang wenig erforscht. In unserer Studie wollen wir genau diesen Zusammenhängen auf die Spur kommen. Unser Ziel ist es, neue und über die übliche Behandlung der Herzschwäche hinausgehende Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die schon vorbeugend wirksam sind. Neue Erkenntnisse werden durch einfache neuro-psychologische Tests und Bildaufnahmen des Gehirns gewonnen.

Ergänzend hierzu widmet sich aktuell das „Kompetenznetz Herzinsuffizienz“ der Erforschung von Depressionen bei Herzschwäche. Wir wissen, dass Depressionen bei Herzschwäche sehr häufig sind und die Lebensqualität, aber auch die Lebenserwartung gravierend negativ beeinflussen. In einer Studie des Kompetenznetzes wird nun untersucht, inwieweit die Behandlung mit einem Medikament gegen Depression Patienten mit Herzschwäche helfen kann. Ein ganz anderes Beispiel sind die hohe Erkrankungshäufigkeit im Alter und die erheblichen Kosten, die durch die Herzschwäche in unserer zunehmend alternden Gesellschaft verursacht werden. Vor diesem Hintergrund plant das KNHI ein gesundheitsökonomisches Projekt über Krankheitskosten: Im Rahmen einer vergleichenden Studie soll evaluiert werden, wie sich die Krankheitskosten der diastolischen Herzinsuffizienz von denen systolischer Herzinsuffizienz unterscheiden. Diese Ergebnisse bieten Gesundheitspolitikern eine Planungshilfe.