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„Das Herz ist am Zügel der Hormone“ − Dr. Gülmisal Güder im Interview

Die Nachwuchsforscherin Gülmisal Güder untersucht am Würzburger Uniklinikum, wie körpereigene Stresshormone auf den Herzmuskel wirken.

Frau Güder, wenn einem das Herz vor Angst bis zum Hals schlägt, ist das ein Hormoneffekt?

Völlig korrekt, was Sie beschreiben, ist die Wirkung des Adrenalins, das in Stresssituationen in die Blutbahn ausgeschüttet wird und den Herzschlag in die Höhe treibt. Jeder kennt das von sich selbst.

Und Ihre Forschung dreht sich um solche Effekte?

Im Grunde ja, wobei es uns freilich um die Zusammenhänge bei Herzinsuffizienz geht. Dass das gesunde Herz auf verschiedene Hormone reagiert, ist Teil der normalen Funktionsweise des Köpers. Hormonelle Einflüsse sind aber auch für den Krankheitsverlauf bei Herzschwäche mitbestimmend. Gerade das schwache Herz ist am Zügel der Hormone. Her liegt ein Schlüssel für die Therapie.

Können sie das genauer erläutern?

Nehmen Sie die Betablocker. Sie sind heute Standardmedikamente bei Herzschwäche, weil sie verhindern, dass Signalsubstanzen wie Adrenalin und Noradrenalin den kranken Herzmuskel zu sehr antreiben. Ein anderes Beispiel ist das körpereigene Hormon Aldosteron. Es reguliert natürlicherweise den Salzhaushalt, aber zum Beispiel nach einem Herzinfarkt kann es auch Entzündungs- und Vernarbungsprozesse im Herzgewebe in gang setzen. Viele Patienten erhalten deshalb eine Gegenspielersubstanz, die den Rezeptor für Aldosteron blockiert.

Sie haben indes noch ein weiteres Hormon erforscht – das Cortisol.

Richtig, wobei das überraschende ist, dass Cortisol am geschädigten Herzmuskel vermutlich ganz ähnliche Effekte besitzt wie Aldosteron. wie wir in einer Studie mit rund 300 Herzschwächepatienten festgestellt haben, sinkt die Lebenserwartung sowohl bei höheren Aldosteron- als auch bei höheren Cortisolspiegeln. einer sehr plausiblen Hypothese zufolge stoßen die beiden Hormone sogar über denselben Rezeptor eine Kaskade entzündlicher Prozesse in den Herzmuskelzellen an.

Von Aldosteron und Cortisol weiß man, dass sie bei Stress vermehrt gebildet werden. Sollten Herzkranke Stress also generell meiden?

Es ist in der Tat eine naheliegende Idee, dass sich durch Abbau von Alltagsstress einer Verschlimmerung der Krankheit vorbeugen ließe. Allerdings scheinen bei Herzschwächepatienten bereits Stresshormonspiegel, die noch im normalen Rahmen sind negative Effekte zu besitzen. Auch ist es gerade typisch für die Krankheit, dass schon kleinere Anstrengungen zu körperlichem Stress führen – was den Stressabbau natürlich besonders schwierig macht.

Was kann man dann gegen die schädlichen Hormoneffekte tun?

Eine denkbare Konsequenz aus unseren Ergebnissen ist, nicht nur wie bisher bei gesteigerten Aldosteron-, sondern auch bei hohen Cortisolspiegeln gegenmittel einzusetzen. Allerdings wollen wir den Zusammenhang zwischen Cortisolwerten und Krankheitsprognose in einer weiteren Studie erst noch einmal überprüfen. Langfristig geht es uns zudem nicht nur um Cortisol. wir möchten erforschen, wie verschiedenste Hormone, etwa auch Testosteron, auf den kranken Herzmuskel wirken. Wir wollen das Herz im Gefüge eines Gesamtsystems verstehen.

Sie selbst sind am Anfang Ihrer Laufbahn. Welche Rolle hat Ihre Arbeit im Kompetenznetz für den Einstieg in eine Forschungskarriere gespielt?

Eine außerordentliche. Ich habe viel Unterstützung vom Kompetenznetz bekommen, finanziell wie ideell. In einem solchen Verbund kann man Leute um Rat fragen, die man in der normalen Universitätsausbildung gar nicht zu Gesicht bekommt. Das ist gerade dann wichtg, wenn es mit der eigenen Forschung einmal nicht weitergeht. Inzwischen bin ich an einem Punkt, an dem ich selbst gern eine eigene Arbeitsgruppe aufbauen würde. Wenn sich die Möglichkeit bietet, möchte ich auf jeden Fall in der Herzinsuffizienz-Forschung bleiben.

Dr. Gümisal Güder ist in der Ausbildung zur Kardiologin und hat ein Zusatzstudium in klinischer Epidemiologie absolviert. Die 32-Jährige ist eine von rund zwei Dutzend Nachwuchsforschern, die vom Kompetenznetz durch ein Stipendium oder einen Forschungspreis gefördert wurden.