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Die Erforschung der Herzinsuffizienz als Herausforderung im 21. Jahrhundert − Prof. Dr. Georg Ertl im Gespräch

Die Themen reichen von den molekularen Ursachen bis hin zur ökonomischen Bedeutung der Krankheit

Die Herzinsuffizienz zählt zu den drängendsten Gesundheitsproblemen der modernen Gesellschaft. Zwei bis drei Millionen Menschen sind hierzulande betroffen, jeder zehnte Deutsche über 70 Jahre lebt mit Herzmuskelschwäche. Durch den demografischen Wandel dürfte sie zukünftig noch deutlich an Bedeutung gewinnen.
Lange Zeit betrachtete man die Herzinsuffizienz nur als Krankheit des Herzens. Inzwischen hat sich jedoch ein Paradigmenwechsel vollzogen hin zum Verständnis des Herzversagens als Systemerkrankung des Organismus. So kann eine Nierenschwäche oder starkes Übergewicht eine Herzinsuffizienz bedingen. Umgekehrt besitzt sie ihrerseits vielfältige Folgen, darunter Schlaganfälle und Hirnleistungsschwächen, Kachexie oder plötzlicher Herztod. Die Prognose der Herzinsuffizienz ist oft ungünstiger als bei Krebs. Nicht zuletzt vermindert sie die körperliche und psychische Lebensqualität.

Diesen medizinischen Konsequenzen stehen gesundheitsökonomische Folgen gegenüber. In Deutschland werden jährlich rund 300.000 Herzschwächepatienten im Krankenhaus behandelt, bei Behandlungskosten von etwa drei Milliarden Euro. Hinzu kommen Aufwendungen für die ambulante Therapie sowie volkswirtschaftliche Einbußen durch Arbeitsausfälle oder Frühberentungen.

Das Netz ist ein ausgewiesener Partner in der Herzinsuffizienz-Forschung

Doch wie lässt sich eine solche, in alle Lebensbereiche hineinspielende Krankheit in den Griff bekommen? Simple Antworten gibt es vermutlich nicht. Einerseits müssen die komplexen Krankheitsmechanismen noch besser aufgeklärt und neue Therapien entwickelt werden. Andererseits geht es darum, wie sich die verfügbaren Behandlungsstrategien im Lebensalltag chronisch und oft mehrfach kranker Menschen patientengerecht umsetzen lassen. Programmatisch gesagt: Die Erforschung der Herzinsuffizienz wie die Patientenversorgung bedürfen umfassender, multidisziplinärer Ansätze.

Das Kompetenznetz Herzinsuffizienz (KNHI) hat sich diesem Ziel verschrieben. Der seit 2003 bestehende, vom Bundesforschungsministerium geförderte universitäre Verbund umfasst elf Standorte deutschlandweit. Die Forschungsinhalte reichen von den molekularen Krankheitsursachen über geschlechtsspezifische Einflüsse bis hin zur ökonomischen Bedeutung der Herzinsuffizienz. Die Resultate sprechen für sich: So ließen sich grundlegende Einsichten in die genetischen und immunologischen Facetten des Krankheitsprozesses gewinnen. Wegweisende klinische Studien zur – lange vernachlässigten – diastolischen Herzschwäche oder zur Rolle krankheitsbegleitender Depressionen sind aus dem KNHI hervorgegangen. Zudem wurden innovative Ansätze einer telefonisch und telemedizinisch unterstützten Patientenversorgung erprobt. Nicht zuletzt haben sich viele Nachwuchsforscher in den Projekten des KNHI profiliert.

Das Netz als Ganzes hat Beachtliches geleistet – und genuine, von den Einzelprojekten unabhängige Forschungsstrukturen etabliert. So wurde von circa 10.000 an den KNHI-Studien beteiligten Herzschwächepatienten ein einheitlicher klinischer Basisdatensatz mit rund 150 Einzelparametern erhoben und in einer qualitätsgeprüften Studiendatenbank gespeichert, was wertvolle projektübergreifende Analysen erlaubt. Von rund 7.000 dieser Patienten sind zudem Serum-, Plasma- und DNA-Proben in einer zentralen Biomaterialbank archiviert – eine europaweit einzigartige Forschungsressource. Auch dass es dem KNHI gelungen ist, ein multinationales Forschungsnetzwerk für große klinische Studien aufzubauen, trägt zu seiner Leistungsfähigkeit im internationalen Kontext bei.

Wissenschaftliche Arbeit lebt von dem Engagement ihrer Akteure. Besonderer Dank gebührt – um nur zwei zu nennen – dem Mitbegründer des KNHI, Prof. Dr. Rainer Dietz aus Berlin, und dem Vorsitzenden des externen Beirats, Prof. Dr. Martin Gottwik aus Nürnberg. Viele andere haben das Netzwerk vorangebracht. Einige der am KNHI beteiligten Forscher sind zudem am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg und im Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung aktiv – hier liegen vielversprechende Schnittstellen für zukünftige Forschungsprojekte. Das KNHI ist heute ein ausgewiesener Partner in der Herzinsuffizienz-Forschung in Deutschland. Sein Ziel ist, nach Ende der dritten und letzten Förderperiode die gewachsenen Ressourcen und eingespielten Netzwerkstrukturen für weiterführende akademische und industrielle Kooperationen fruchtbar zu machen und dabei eine erstklassige Adresse der Herzforschung zu bleiben.