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„Wir agieren international“ − PD Dr. Hans-Dirk Düngen im Interview

Der Kardiologe Hans-Dirk Düngen von der Berliner Charité hat mit Kollegen in Deutschland, Serbien, Slowenien und Montenegro ein außergewöhnliches klinisches Forschungsnetzwerk aufgebaut.

Herr Düngen, sie forschen gemeinsam mit Ärzten in Ex-Jugoslawien. Ist das Interesse für Ihre Projekte hierzulande zu gering?

Keineswegs. Wir haben im Rahmen des Kompetenznetzes Herzinsuffizienz eine drängende Frage untersucht, wie gut nämlich verschiedene Betablocker von älteren Patienten vertragen werden. Betablocker gehören zu den Standardmitteln bei Herzschwäche, aber sie besitzen bei Menschen im höheren Alter häufig Nebenwirkungen – was eine erfolgreiche Therapie behindert. Unsere Studie hatte für jeden Kardiologen und jeden Hausarzt ganz praktische Relevanz.

Warum die Studie dann im Ausland durchführen?

Wir haben im Laufe der Studie natürlich auch viele hiesige Patienten eingeschlossen, aber es stimmt, dass sich anfangs schlichtweg zu wenige fanden.

Weshalb lassen sich Patienten so schwer rekrutieren?

Das ist ein Grundproblem der klinischen Forschung hierzulande, aber auch in vielen anderen westlichen Industrieländern. Es ist immer schwer, ausreichend Studienteilnehmer zu finden, gerade in den höheren Altersgruppen. Für unsere Betablocker-Studie brauchten wir mehr als 800 Herzschwächepatienten, der Altersschnitt lag bei knapp 73 Jahren. Solch ein kollektiv ist nicht leicht zu rekrutieren – zumal für einen nicht kommerziellen akademischen Forschungsverbund.

Sie spielen auf das finanzielle Ungleichgewicht gegenüber industriell geförderter Forschung an.

Um eine Zahl zu nennen: Wenn eine Pharmafirma in Deutschland eine neue Substanz für die Marktzulassung testet, zahlt sie den Prüfärzten um die 3.500 Euro pro Patient. Wir hatten in unserer Studie im Rahmen des Kompetenznetzes ein Budget von 300 Euro pro Patient. Es ist klar, dass ein solches unabhängiges Forschungsprojekt für viele Zentren finanziell nicht sehr attraktiv ist.

In Ländern wie Serbien, Montenegro oder Slowenien ist die Forschung freilich günstiger.

Das geringere Kostenniveau ist ein Punkt – aber nicht alles. In Serbien beispielsweise gibt es viele exzellent ausgebildete Ärzte, die hervorragend englisch sprechen und gern internationale Kontakte knüpfen möchten. Die deutsche Medizin hat dort eine hohe Reputation. Auch die Patienten haben oft großes Interesse, an Studien teilzunehmen. Durch den gang ins Ausland konnten wir sozusagen aus der Not eine Tugend machen und ein funktionierendes akademisches Studiennetzwerk mit über 40 Zentren in Deutschland und Ex-Jugoslawien aufbauen, das in dieser Form sicher einzigartig ist. Wir agieren international.

Hat der Balkankonflikt und seine Folgen die Arbeit nicht belastet?

Eigentlich hat das nie eine Rolle gespielt. Ich habe mich als Deutscher nie unwillkommen gefühlt. Tatsächlich pflegen wir viele persönliche Kontakte untereinander, die wissenschaftliche Arbeit lebt davon.

Zu Ihrer Betablocker-Studie: Was hat sie im Ergebnis gebracht?

Wir haben zwei gängige Betablocker verglichen, Bisoprolol und Carvedilol, und dabei festgestellt, dass Bisoprolol die Herzfrequenz stärker senkt und Carvedilol die Atmung beeinträchtigen kann. Einem Patienten, der zu Atemstörungen neigt, sollte man also nicht Carvedilol, sondern eher Bisoprolol geben, um Nebenwirkungen möglichst zu vermeiden. Umgekehrt kann es bei zu niedriger Herzfrequenz ratsam sein, Carvedilol zu bevorzugen – eine wichtige Entscheidungshilfe im klinischen Alltag.

Welche weiteren Vorhaben stehen für Ihr Studiennetz an?

In einer von der EU und in einer industriell geförderten Untersuchung geht es darum, mithilfe von Biomarkern den Verlauf der Herzinsuffizienz besser abzuschätzen und die Therapie zu optimieren. Auch aus anderen medizinischen bereichen, etwa der Onkologie, kommen Anfragen, ob unser Rekrutierungsnetz an Studien teilnehmen will. Es spricht sich offenbar herum, dass wir große multinationale Projekte meistern können.

 

Beteiligtes Teilprojekt: Multizentrische Therapiestudien